LESEPROBE GLETSCHERGOLD

...

Dann ziehe ich mir mit dem Rücken zum Bett die restlichen Klamotten aus. Andi hat sich auf die Seite gedreht, von mir weg, um mir Platz zu machen. Mit zusammengepressten Kiefern krabble ich hinter ihm in den Schlafsack.

Er fühlt sich wie ein Eiszapfen an. Mist, er hätte mich viel früher hier drin gebraucht. Ich schaudere schon, als ich nur mit den Beinen seinen kalten Rücken berühre. Mit Schrecken kapiere ich, dass ich sein Leben noch gar nicht gerettet habe. Ich muss ihn aufwärmen, so schnell wie möglich. Rasch arbeite ich mich tiefer in den Schlafsack, bis ich ganz drin bin, meine Vorderseite an seine Rückseite geschmiegt.

Löffelstellung.

Ich würde mich ja auf den Rücken legen, damit er nur mit der Seite meines Körpers klarkommen muss, aber wichtiger ist jetzt, dass er überlebt. Einfach nicht dran denken, wie ihn das hier stressen muss. Sich einfach an ihn pressen und versuchen, alle Körperwärme, die noch in mir ist, an ihn weiterzugeben.

Wenn ich bloß wüsste, wo ich meine Hände lassen soll. Schließlich lege ich eine Hand auf seine Schulter und die andere auf seinen feuchtkalten Oberschenkel, in der Hoffnung, dass meine Handflächen wie Heizkissen wirken.

Andi hat aufgehört zu atmen. Ich versuche, das Gleiche zu tun. Da liege ich und spüre jeden Zentimeter am Körper des Mannes, nach dem ich mich eine Woche lang verzehrt habe, und will nur eins: dass er okay ist. Ich bleibe so still liegen, als wäre er eine Bombe, die bei der leichtesten Erschütterung in die Luft gehen könnte. Die ganze Situation ist so stressig, dass mein Unterleib wie abgeschaltet ist. Die Temperatur hilft dabei auch. Anstatt dass ich ihn aufwärme, kriecht die polare Kälte, die er in seinem Körper gespeichert zu haben scheint, langsam in meinen hinüber.

Minuten vergehen. Auf einmal fängt die Taschenlampe auf dem Tisch an zu flackern. Zwei Sekunden später geht sie aus, und wir liegen im Dunkeln. Jetzt, wo ich absolut nichts mehr sehen kann, höre ich Andi atmen.

Es kommt mir so vor, als ob er etwas wärmer geworden ist. Vielleicht wäre es rein medizinisch gesehen gut, seine Arme und Beine ein bisschen zu reiben, aber ich wage nicht, auch nur einen Finger zu bewegen. Andis Hinterkopf ist direkt vor meinem Gesicht. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann ich ein paar schwarze Haarsträhnen sehen, die sich über seinem Ohr kringeln. Es ist nur ein winziges Detail von ihm, aber es erfüllt mich mit heißer, hilfloser Zärtlichkeit. Und mit Scham.

Ich habe viel Zeit, über die letzten Tage nachzudenken. Viel Zeit, mich schlecht zu fühlen. Ich habe versucht, jemanden zu einem One-Night-Stand zu verführen, obwohl er mir gesagt hat, dass das nichts für ihn ist. Weil ich nur mit meinem verrückten Verlangen nach ihm beschäftigt war.

Wenigstens scheint dieses Schlafsack-Teilen zu funktionieren. Er ist jetzt defnitiv wärmer. Sein Duft ist wieder da. Mit all der Feuchtigkeit und dem Schweiß ist er schärfer als sonst, und er wandert direkt von meiner Nase hinunter in meinen Unterleib. Fuck, no. Ich versuche, durch den Mund zu atmen und meine ganze Willenskraft zu aktivieren, um das Lebenszeichen da unten zu ersticken.

Es klappt nicht. Mich innerlich verfluchend, flüstere ich eine Entschuldigung. Wie zu erwarten, bekomme ich keine Antwort.

Verdammt. So geht das nicht...